
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Meeting. Ihr Chef fragt: „Wie läuft’s im Team?“
Alle nicken. „Gut, gut.“
Später, an der Kaffeemaschine, eine ganz andere Geschichte: „Also, wenn du mich fragst…“ – und dann kommen die echten Themen. Die Irritationen. Die Missverständnisse. Das, was wirklich bewegt.
Willkommen in der Realität der meisten Unternehmen.
- Das stille Problem in Ihren Teams
- Was ist ein Teamgespräch?
- Ein Beispiel aus der Praxis: Das Pflegeteam
- Der dreifache Gewinn
- Warum so kurz? Die Kraft des Time-Boxing
- Die komplette Anleitung: Der Basis-Ablauf (bis 8 Personen)
- Anpassungen für größere Teams (ab 9 Personen)
- Nach dem Gespräch: Das Protokoll
- Die wichtigsten Rhythmen
- Häufige Stolpersteine – und wie Sie damit umgehen
- Ihre Doppelrolle als Chef und Moderator
- Ihre Checkliste vor dem ersten Gespräch
- Das Fazit: Fangen Sie einfach an
- Sie wollen professionelle Begleitung?
Das stille Problem in Ihren Teams
Als Führungskraft investieren Sie Zeit in Mitarbeiterjahresgespräche. Sie gehen in Führungsseminare. Sie lesen Bücher über moderne Führung.
Aber eine entscheidende Frage bleibt oft unbeantwortet:
Was denken Ihre Mitarbeiter wirklich über Ihre Führung?
Nicht im anonymisierten 360-Grad-Feedback. Nicht zwischen den Zeilen. Nicht hinter Ihrem Rücken.
Sondern ganz direkt. Face-to-face. Im Team.
Klingt unangenehm? Ist es auch – zumindest beim ersten Mal. Aber es ist auch der wirkungsvollste Hebel für bessere Führung und Zusammenarbeit im Team.
Was ist ein Teamgespräch?
Ein Teamgespräch sieht von außen aus wie eine normale Teambesprechung. Das ganze Team sitzt zusammen, die Führungskraft moderiert.
Der entscheidende Unterschied: Es geht nicht um fachliche Themen, sondern um die Beziehungs- und Strukturebene.
Konkret sprechen Sie über:
- Stimmung: Wie ist das Klima im Team?
- Führung: Wie fühlen sich die Mitarbeiter geführt, informiert, motiviert?
- Zusammenarbeit: Wo geht die Zusammenarbeit auseinander?
- Strukturen: Welche Arbeitsabläufe behindern uns?
- Entwicklung: Was läuft gut – wovon brauchen wir mehr oder weniger?
Ein Beispiel aus der Praxis: Das Pflegeteam
Die Ausgangssituation
Eine Pflegestation im Krankenhaus: Monatelang ohne Stationsleitung, dann Zusammenlegung mit einer anderen Station. Neue Prozesse, unklare Zuständigkeiten, hoher Druck von der Geschäftsführung. Mehrere erfahrene Kolleginnen haben gekündigt. Die Stimmung: angespannt, frustriert, resigniert.
Der erste Schritt: Eine externe Klärungshilfe musste die akuten Konflikte bearbeiten.
Die Erkenntnis
Nach der Klärung war allen klar: So etwas darf nie wieder so weit kommen.
Die neue Stationsleitung führte monatliche Teamgespräche ein. Warum monatlich am Anfang? Weil Teamentwicklung nicht linear verläuft, sondern sinusförmig. Es gibt gute und schwierige Phasen – völlig normal.
Das Teamgespräch hilft bei Tiefpunkten, den Schwung mitzunehmen und gegenzusteuern. Bei Hochpunkten macht es das Gute bewusst. Und kontinuierlich hilft es, Vereinbarungen zu reflektieren und anzupassen.
Nach einem Jahr
Die Stimmung stabilisierte sich. Die Fluktuation ging zurück. Die Teamgespräche wurden auf einen zweimonatigen Rhythmus umgestellt. Die Faustregel: In Krisensituationen monatlich, in stabilen Phasen alle 2-3 Monate. Nie länger als 3 Monate Abstand – sonst verliert das Gespräch seine präventive Wirkung.
Der dreifache Gewinn
1. Sie werden eine bessere Führungskraft
Niemand kann Ihnen so kompetent sagen, was Sie besser machen können, wie Ihre eigenen Mitarbeiter. Sie erfahren aus erster Hand, was von Ihren guten Absichten ankommt und wo Sie anders wirken, als Sie denken.
Nach vielen begleiteten Teamgesprächen können wir sagen: 80-90% der Rückmeldungen sind positiv. Das schafft ein Selbstbewusstsein, das tief innen wächst – etwas, das wir bei Führungskräften ohne regelmäßige Teamgespräche selten erleben.
2. Sie verhindern Konflikte, bevor sie entstehen
Selbst dramatische Mobbingsituationen haben irgendwann als kleine Irritation begonnen. Ein Missverständnis hier, eine Unklarheit dort, ein ungutes Gefühl, das nicht ausgesprochen wurde.
Das Teamgespräch ist wie Gärtnern: Sie jäten Unkraut, wenn es klein ist – nicht erst, wenn Sie den halben Garten umgraben müssen.
Die regelmäßige Frage „Wo gibt es erste Anzeichen von Spannungen?“ gibt Ihrem Team einen festen Rahmen. Und Ihr Team übt in ruhigen Zeiten, wie man schwierige Gespräche führt. Wenn dann ein Konflikt auftaucht, steht die Methodik bereits zur Verfügung.
3. Sie steigern die Motivation nachhaltig
Was motiviert wirklich? Nicht das Obstkörbchen. Nicht der Kickertisch. Sondern: Gesehen und ernst genommen zu werden. Mitgestalten zu können. In einem Team zu arbeiten, in dem die Beziehungen stimmen.
Genau das liefert ein Teamgespräch. Ihre Mitarbeiter erleben, dass ihre Sichtweise zählt. Dass Sie bereit sind, sich zu verändern. Dass sie nicht nur ausführen, sondern mitdenken dürfen.
Warum so kurz? Die Kraft des Time-Boxing
Ein Teamgespräch dauert nur 30-60 Minuten – je nach Teamgröße. Das klingt knapp. Ist es auch. Und genau darin liegt die Kraft.
Die drei Funktionen klarer Zeitgrenzen
Erstens: Konzentration hochhalten. Nach 60 Minuten lässt die Aufmerksamkeit spürbar nach. Die wichtigsten Themen kommen meist in den ersten 30 Minuten auf den Tisch. Mit Time-Boxing nutzen Sie die Phase höchster Konzentration optimal.
Zweitens: Fokus auf das Wesentliche. Mit klar begrenzter Zeit stellt sich automatisch die Frage: „Was ist wirklich wichtig?“ Das Voting auf die Top 3-4 Themen zwingt das Team, Prioritäten zu setzen. Das schärft den Blick fürs Wesentliche.
Drittens: Vermeidung endloser Diskussionen. Jeder kennt Meetings, die ausufern. Time-Boxing bricht diese Muster auf: 5 Minuten verstehen zwingt zur Fokussierung auf den Kern. 5 Minuten Lösungen verhindert Perfektionismus. Maximal 4 Themen macht das Gespräch handhabbar.
Das Ergebnis: Teamgespräche sind knackig, fokussiert und energiegeladen statt langatmig und ermüdend.
Die komplette Anleitung: Der Basis-Ablauf (bis 8 Personen)
Vorbereitung
Blocken Sie kompakte Zeit – das Gespräch soll knackig sein. Für 3-5 Mitarbeiter rechnen Sie 30-40 Minuten, für 6-8 Mitarbeiter 40-50 Minuten. Mit der Zeit und Übung wird es weniger.
Informieren Sie Ihr Team mindestens 2 Wochen vorher. Hier eine Formulierungsvorlage:
Betreff: Einladung zum ersten Teamgespräch am [Datum]
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte mit euch einen neuen Weg gehen: Ab sofort führen wir regelmäßig Teamgespräche. Anders als in unseren Teambesprechungen geht es nicht um Fachthemen, sondern um uns – um unsere Zusammenarbeit, die Stimmung und meine Führung.
Worum geht es? Wie erleben wir die Zusammenarbeit? Wie fühlt ihr euch von mir geführt? Was läuft gut – was könnte besser laufen?
Termin: [Datum], [Uhrzeit], [Ort]
Dauer: [30-50] Minuten – mit klaren Zeitfenstern für maximalen FokusIch freue mich auf eure ehrliche Sichtweise!
Was Sie brauchen: Moderationskarten in zwei Farben (grün für Positives, gelb für Entwicklungsfelder), Stifte für alle, einen großen Tisch oder freie Bodenfläche zum Auslegen der Karten, Klebepunkte oder Stifte fürs Voting, und eine Stoppuhr.
Phase 1: Einstieg (3 Minuten)
Sie öffnen das Gespräch mit einladenden Worten. Hier eine bewährte Formulierung:
„Herzlich willkommen. Wir haben heute [30-50] Minuten – bewusst kompakt, damit wir fokussiert bleiben.
Heute geht es um uns – um unsere Zusammenarbeit und meine Führung.
Ich bitte euch: Nehmt allen Mut zusammen, auch das Kritische anzusprechen. Wo geht die Zusammenarbeit auseinander? Was nervt euch? Nennt konkrete Situationen und Begegnungen – nur so kann sich etwas ändern.
So läuft das ab: Erst sammeln wir die wichtigsten Themen, dann sprechen wir darüber und zum Schluss treffen wir Vereinbarungen für die nächsten Wochen. Wir machen das mit klaren Zeitboxen – vielleicht etwas ungewohnt, aber so können wir den Termin kompakt halten.
Eine wichtige Regel: Was hier besprochen wird, bleibt vertraulich. Wir sprechen offen und gehen fair miteinander um. Solltet Ihr etwas gegen mein Verhalten haben, dann sprecht bitte auch das an!
Los geht’s!“
Phase 2: Themensammlung (5 Minuten)
Jetzt kommt der erste entscheidende Moment. Sie laden ein:
„Ihr habt jetzt 5 Minuten. Ganz wichtig: Denkt still für euch – damit ihr eure eigene Meinung bildet.
Schreibt auf grüne Karten – Was läuft gut: Was schätzt ihr? Was gibt euch Kraft? Bitte genau 3 Karten.
Schreibt auf gelbe Karten – Was braucht Veränderung: Was nervt euch? Wo geht die Zusammenarbeit auseinander? Wovon wünscht ihr euch mehr oder weniger? Nennt am Besten konkrete Situationen! Bitte genau 3 Karten.
Jeder Gedanke auf eine eigene Karte – jeweils nur zwei bis drei Stichworte. Die Zeit läuft… jetzt!“
Stellen Sie den Timer auf 5 Minuten. Nach 4 Minuten erinnern Sie: „Noch 1 Minute!“
Phase 3: Vorstellen und Clustern (5-7 Minuten)
Hier kommt die erste Anpassung gegenüber vielen anderen Formaten. Sie laden alle ein, im Kreis zu stehen – am besten um einen großen Tisch herum oder um eine freie Bodenfläche:
„Kommt alle zusammen. Wir stellen jetzt reihum die Karten vor und legen sie auf den Tisch [oder Boden]. Während jemand seine Karten vorstellt, lege ich als Moderator ähnliche oder gleiche Themen schon zusammen – so dass wir sehen, was mehrfach vorkommt.
Jeder hat maximal 1 Minute. Bitte die Themen nur benennen und einen kurzen Satz zur Erläuterung, damit wir die Stichworte einordnen können. Die anderen hören zu, ohne zu unterbrechen.
Wer möchte anfangen?“
Jetzt stellen alle der Reihe nach vor. Wichtig: Sie als Führungskraft sind der Letzte! Während die Karten vorgestellt werden, legen Sie sichtbar für alle ähnliche Themen zusammen. „Das passt zu diesem hier…“ – „Das ist ein ähnliches Thema…“ Sie clustern sozusagen live mit (Bleiben Sie offen: „Sagt bescheid, wenn ich etwas falsch verstanden habe“).
Nach der letzten Person:
„Vielen Dank für eure Offenheit. Jetzt bin ich dran mit meiner Sichtweise.“
Sie stellen Ihre eigenen Karten vor – auch maximal 1 Minute. Das ist wichtig: Ihre Stimme zählt genauso. Aber sie kommt zuletzt, damit sie die anderen nicht beeinflusst.
Am Ende dieser Phase liegen die Karten geclustert vor Ihnen. Sie sehen 4-6 Themenfelder. Die grünen Karten haben Sie zur Seite gelegt – die würdigen Sie gleich. Jetzt benennen Sie kurz die Cluster:
„Okay, ich sehe hier folgende Themenfelder: [Cluster 1], [Cluster 2], [Cluster 3]…“
Phase 4: Dialog und Lösungen (20-30 Minuten)
Schritt 1: Positive Aspekte würdigen (3-5 Minuten)
Sie beginnen bewusst mit dem Guten:
„Lasst uns mit den grünen Karten starten. Wenn ihr das seht – was sind eure Gedanken und Gefühle dazu?“
Sie lassen die Mitarbeitenden Reihum ihre Eindrücke schildern. Ermutigen Sie stille Personen („A, was sind deine Gedanken?“). Dann greifen Sie gezielt Aspekte heraus:
„Das mit [konkreter Punkt] – das freut mich wirklich. Das ist eine wichtige Ressource für uns. …“
Übertreiben Sie hier nicht. Würdigen Sie authentisch und nennen Sie ggf. einfache Beispiele oder Ergänzungen. Aber nehmen Sie sich Zeit dafür. Diese positiven Rückmeldungen sind der Treibstoff für alles Weitere.
Schritt 2: Voting (1 Minute)
Jetzt wird fokussiert. Sie haben 4-6 Cluster vor sich liegen. Welche sind wirklich wichtig?
„Jeder bekommt jetzt 3 Stimmen. Jeder hat 3 Klebepunkte (oder Striche). Welche Themenblöcke / Cluster sind euch am wichtigsten? Ihr könnt auch alle 3 Stimmen auf ein einziges Thema setzen, wenn es euch besonders wichtig ist.
1 Minute – jetzt!“
Sie zählen die Punkte oder Striche. Die Top 3 Themen werden besprochen.
Dann fügen Sie ggf. hinzu:
„Ich füge noch 1 Thema hinzu, weil es es mir wirklich wichtig ist.“
Schritt 3: Themen besprechen (15-25 Minuten)
Jetzt kommt der Kern des Gesprächs. Sie haben 3-4 Themen. Pro Thema haben Sie 4-6 Minuten Zeit – je nach Teamgröße und Zeitbudget.
„Wir haben [3-4] Themen. Pro Thema haben wir [4-6] Minuten – ich stelle jeweils den Timer.
Für jedes Thema gilt: Erst: Verstehen – Was genau ist das Problem? Dann: Lösungen oder Vereinbarungen – Was machen wir konkret?“
Jetzt nehmen Sie Thema für Thema:
„Thema 1: [Thema nennen] – [4-6] Minuten gesamt. Erste Hälfte: Verstehen!
Wer kann das konkretisieren? Was ist genau passiert? Gebt mir Beispiele!“
Ihre Moderationsfragen sind einfach und direkt:
- „Wie hast du das erlebt?“
- „Seht ihr das auch so?“
- „Was genau nervt daran?“
- „Lass mich zusammenfassen, ob ich es richtig verstanden habe: [Wiederholung]. Stimmt das?“
Wenn es um Ihre Führung geht, bleiben Sie offen:
„Danke für diese Rückmeldung. Das ist nicht leicht auszusprechen – und für mich auch nicht leicht zu hören. Aber genau deswegen machen wir das hier.
Lass mich verstehen: [Zusammenfassung]. Stimmt das so?“
Nach der halben Zeit – beim Timer – wechseln Sie:
„Jetzt Lösungen! Was sollte sich konkret ändern? Was wäre eine gute Lösung?“
Lassen Sie das Team Ideen entwickeln. Sie bringen Ihre eigenen ein – aber machen Sie sie nicht zur einzigen Option. Dokumentieren Sie alle Vereinbarungen in einer einfachen Tabelle:
| Was | Wer | Bis wann |
|---|---|---|
| [Maßnahme 1] | [Name] | [Datum] |
| [Maßnahme 2] | [Name] | [Datum] |
Wenn der Timer klingelt:
„Zeit um! Nächstes Thema – [X] Minuten.“
Sie halten sich strikt an die Zeit. Das ist hart, aber heilsam. Es zwingt alle, auf den Punkt zu kommen.
Falls am Ende die Zeit knapp wird:
„Wir haben keine Zeit mehr für die restlichen Themen. Entweder nehmen wir sie ins nächste Teamgespräch mit, oder wir setzen einen Extra-Termin an. Was bevorzugt ihr?“
Phase 5: Abschluss (2 Minuten)
Zum Schluss fassen Sie knapp zusammen:
„Unsere Vereinbarungen in Kürze:
[Schnell vorlesen]Blitzlicht – jeder 5 Sekunden: Wie war das Gespräch für euch?
Unser nächstes Teamgespräch: [Datum – maximal 3 Monate entfernt]
Danke für eure Offenheit!“
Fertig. Das war’s. Kompakt, fokussiert, wirksam.
Anpassungen für größere Teams (ab 9 Personen)
Bei Teams ab 9 Personen wird die Themensammlung anders strukturiert. Sie brauchen einen Mechanismus, der jeden hört, Groupthink vermeidet und gleichzeitig die Themenflut begrenzt.
Variante A: Zweiergruppen (9-16 Personen)
Phase 2 ändern Sie so:
„Bildet Zweiergruppen. Ganz wichtig:
- Jeder denkt zuerst 1 Minute still für sich – das verhindert, dass ihr nur dem anderen folgt
- Dann tauscht euch zu zweit aus – weitere 2 Minuten
- Einigt euch als Paar auf:
- 3 grüne Karten (was gut läuft)
- 3 gelbe Karten (was nervt, was auseinandergeht)
5 Minuten gesamt – los!“
Phase 3 wird dadurch kürzer: Die Zweiergruppe stellt ihre Karten vor – maximal 1 Minute pro Paar. Während des Vorstellens clustern Sie wieder live die ähnlichen Themen.
Der Vorteil: Die Themenvielfalt bleibt erhalten, aber die Anzahl der Karten ist begrenzt. Sie brauchen insgesamt etwa 50-60 Minuten.
Variante B: 1-2-4-All Methode (ab 12 Personen)
Die 1-2-4-All Methode stammt aus den Liberating Structures. Sie hilft, auch in großen Gruppen schnell zu fokussieren und dabei jede Stimme zu hören.2
Phase 2 wird in 4 Stufen aufgeteilt (10 Minuten gesamt):
Stufe 1 – Alleine (1 Minute):
„Jeder für sich: Was sind eure wichtigsten Punkte – positiv und kritisch? Notiert sie kurz.“
Stufe 2 – Zu zweit (3 Minuten):
„Findet euch zu zweit. Tauscht euch aus. Welche Punkte sind euch gemeinsam wichtig?“
Stufe 3 – Zu viert (3 Minuten):
„Zwei Paare tun sich zusammen. Einigt euch als Vierergruppe auf:
- 3 grüne Karten (was gut läuft)
- 3 gelbe Karten (was sich ändern muss)
und bitte definiert einen Sprecher.“
Stufe 4 – Alle zusammen (3 Minuten):
„Jede Vierergruppe stellt ihre 6 Karten kurz vor – maximal 1 Minute pro Gruppe.“
Der Clou: Jede Stimme wird gehört (Stufe 1), die Themen werden gefiltert und verdichtet (Stufen 2-3), und die Gruppe kommt schnell zu den wirklich wichtigen Punkten (Stufe 4).
Ab Phase 4 geht es weiter wie gewohnt: Voting, Dialog zu den Top-Themen, Vereinbarungen. Zeitbedarf insgesamt: 60-70 Minuten.
Nach dem Gespräch: Das Protokoll
Schicken Sie innerhalb von 48 Stunden ein kurzes Protokoll. Hier eine einfache Vorlage:
Betreff: Vereinbarungen Teamgespräch vom [Datum]
Was uns Kraft gibt:
- [Punkt 1]
- [Punkt 2]
- […]
Vereinbarungen:
Was Wer Bis wann [Maßnahme 1] [Name] [Datum] [Maßnahme 2] [Name] [Datum] Nächstes Teamgespräch: [Datum]
Kurz, knapp, klar. Mehr braucht es nicht.
Die wichtigsten Rhythmen
In Krisensituationen – wenn Konflikte schwelen, große Veränderungen anstehen oder die Stimmung schlecht ist – führen Sie Teamgespräche monatlich durch. Mindestens 6 Monate lang.
In der Aufbauphase – wenn das Team neu ist, Sie neu als Führungskraft sind oder nach einer Klärungshilfe – treffen Sie sich alle 6-8 Wochen. Mindestens 1 Jahr lang.
In stabilen Phasen – wenn die Stimmung gut ist und die Zusammenarbeit funktioniert – reichen alle 2-3 Monate.
Die einzige harte Grenze: Nie länger als 3 Monate Abstand. Sonst verliert das Gespräch seine präventive Wirkung.
Häufige Stolpersteine – und wie Sie damit umgehen
„Die sagen doch eh nicht die Wahrheit“
Stimmt – am Anfang nicht. Ehrlichkeit ist wie eine Pflanze. Sie muss wachsen. Im ersten Gespräch kommen vorsichtige „Testballons“. Ihre Reaktion darauf bestimmt, wie ehrlich das nächste Gespräch wird.
Drei Dinge helfen: Einladende Worte wählen. Geduld haben. Konstruktiv reagieren.
Wenn im ersten Gespräch wenig kommt, machen Sie den Anfang:
„Ich merke, es fällt noch schwer, offen zu sprechen. Völlig normal beim ersten Mal. Vielleicht hilft es, wenn ich anfange: Mir ist aufgefallen, dass… [nennen Sie selbst ein kritisches Thema]
Was denkt ihr darüber?“
Nach drei, vier Runden werden Sie staunen, wie offen Ihr Team geworden ist.
„Was, wenn sich danach nichts ändert?“
Dann haben Sie Ihr Team verraten. Konsequenz ist der zweite Erfolgsfaktor neben Ehrlichkeit. Wenn Sie Vereinbarungen nicht umsetzen, zerstören Sie jedes Vertrauen. Dann hätten Sie das Gespräch besser nicht geführt.
Beim nächsten Teamgespräch – noch bevor Sie neue Themen sammeln – nehmen Sie sich 2 Minuten für einen Rückblick:
„Bevor wir Neues sammeln, kurzer Rückblick auf unsere Vereinbarungen vom letzten Mal (Geschlossene Fragen für ein schnelles Stimmungsbild):
- Haben wir alles umgesetzt?
- Wo hängen wir noch – und warum?“
Das zeigt: Sie nehmen es ernst. Und es macht sichtbar, dass sich tatsächlich etwas bewegt.
„Und wenn danach alles schlimmer ist?“
Ein häufiges Missverständnis. Das Maß an Problemen nimmt durch ein Teamgespräch nicht zu. Nur der Aggregatzustand ändert sich – von „unter dem Teppich“ zu „offen auf dem Tisch“.
Das fühlt sich unangenehm an, besonders wenn vorher Scheinharmonie herrschte. Aber die Illusion von heute ist die Katastrophe von morgen. Lieber jetzt klären, wenn es noch möglich ist.
Wenn wirklich schwerwiegende Konflikte auftauchen:
„Ich sehe, wir sind an einem Punkt, der mehr braucht als unser heutiges Zeitfenster. Das braucht mehr Zeit und Raum. Ich schlage vor, dass wir uns externe Unterstützung holen für einen tieferen Klärungsprozess.“
Ihre Doppelrolle als Chef und Moderator
Sie sind gleichzeitig Chef und Moderator. Das ist die größte Herausforderung – und der größte Lerneffekt.
Als Moderator bleiben Sie allparteilich. Sie fragen nach, Sie fassen zusammen, Sie strukturieren:
- „Lass mich als Moderator nachfragen…“
- „Gibt es noch andere Sichtweisen zu diesem Punkt?“
- „Moment, ich fasse zusammen, was ich gehört habe…“
Als Chef bringen Sie Ihre eigene Position ein. Sie haben auch Interessen, Beweggründe, Grenzen:
- „Jetzt spreche ich als betroffene Person…“
- „Aus meiner Perspektive als Führungskraft…“
- „Das sehe ich anders, und zwar weil…“
Die saubere Trennung dieser Rollen ist entscheidend. Machen Sie sie transparent. Wechseln Sie bewusst. Das Team muss wissen, in welcher Rolle Sie gerade sprechen.
Wenn bereits größere Konflikte im Team existieren, kann ein externer Moderator für die ersten Gespräche oder eine sturkturierte Klärungshilfe / Mediation sinnvoll sein. Sie können dann voll in Ihrer Rolle als betroffene Person bleiben und den externen Moderator als allparteilichen Fürsprecher nutzen.
Ihre Checkliste vor dem ersten Gespräch
Bevor Sie starten, fragen Sie sich:
- Bin ich bereit für unangenehmes Feedback?
- Kann ich zuhören, ohne mich sofort zu rechtfertigen?
- Werde ich die vereinbarten Maßnahmen wirklich umsetzen?
Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten können, sind Sie bereit.
Das Fazit: Fangen Sie einfach an
Teamgespräche kosten wenig – 30-60 Minuten alle paar Monate. Sie bringen viel – bessere Führung, weniger Konflikte, mehr Motivation.
Die Kürze ist dabei kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Sie hält die Konzentration hoch, fokussiert aufs Wesentliche und verhindert endlose Diskussionen.
Sie müssen nicht warten. Nicht auf Ihren Chef. Nicht auf das ganze Unternehmen. Nicht auf die „richtige Kultur“. Sie können heute anfangen – für sich und Ihr Team.
Ihr erster Schritt ist denkbar einfach:
Öffnen Sie Ihren Kalender. Blocken Sie 30-60 Minuten in den nächsten 4 Wochen. Schicken Sie die Einladung an Ihr Team.
Das ist alles. Der Rest ergibt sich. Besser schlecht als nicht machen. Ihr Team wird staunen. Sie werden staunen. Und nach dem dritten oder vierten Mal werden Sie sich fragen, warum Sie nicht schon viel früher damit angefangen haben.
Sie wollen professionelle Begleitung?
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